Pressemitteilung ‚Warum Straßenlaternen uns nicht schützen.‘

Im folgenden Beitrag dokumentieren wir unsere Rückmeldung und kritische Anmerkungen zur Studie ‚Safe in the City? Zur gefühlten Sicherheit von Mäd­chen und Frauen in deutschen Städten.‘

Die Studie ‚Safe in the City?‘ wurde von Plan International Deutschland 2020 in vier deutschen Großstädten durchgeführt. In dieser wurden Daten zur gefühlten Sicherheit von Frauen und Mädchen im öffentlichen Raum erhoben und ausgewertet. Nun erlangte die Veröffentlichung der Ergebnisse der Studie mediale Aufmerksamkeit. Als Fachberatungsstelle FRAUEN NOTRUF haben wir die Studienergebnisse mit großem Interesse verfolgt und möchten unsere Anmerkungen dazu teilen.

Das Problem sexualisierter Gewalt im öffentlichen Raum ist strukturell und gesellschaftlich bedingt und wir sehen genau hier Handlungsbedarf. Noch immer sind die unsichersten Orte für Frauen und Mädchen private Räume, noch immer kommen die Täter zum überwältigenden Teil aus dem sozialen Nahfeld der Betroffenen. Sexualisierte Gewalt im öffentlichen Raum geschieht zweifelsohne – allerdings wird diese nicht von der Studie abgefragt. Der faktische Messgegenstand ist die Angst von Frauen und Mädchen. Diese wiederum ist stark gebunden an Vergewaltigungsmythen, die nach wie vor die gesellschaftliche Rezeption von sexualisierter Gewalt prägen und in der Folge den Betroffenen mindestens eine Mitschuld geben: Hätten sie sich doch nur nicht in den dunklen Ecken aufgehalten, wo die Gefahr droht. Abgefragt wird in der Studie ‚Safe in the City?‘ folglich vorrangig, wie sehr Frauen und Mädchen diese Mythen verinnerlicht haben bzw. wovor ihre subjektiven Ängste bestehen – nicht aber, wo sie besonders gefährdet sind, sexualisierte Gewalt zu erleben.

Angsträume – das sind die dunklen Parks, die Seitenstraßen, die einsamen Parkplätze, an denen eine unbestimmte, fremde Gefahr droht. In dieser Argumentation wird neben der Projektion des ‚Bösen‘ in ‚den Fremden‘ die Verantwortung auf die potenziell von Gewalt Betroffenen verschoben. Es wird nicht über Gewaltausübung diskutiert (und damit über Gewalträume), sondern über die Angst der Betroffenen. Dies wiederholt auch die Studie von Plan International Deutschland: Eine Unterscheidung von subjektiven Bedrohungsgefühlen und der realen Gefahr findet nur am Rande statt. Dabei ist vielfach wissenschaftlich bestätigt, dass eine Kriminalitätsfurcht eben nicht eine wirkliche Bedrohung widerspiegelt, sondern vorrangig Aufschluss über gesellschaftliche Stereotype und diffuse Unsicherheitsgefühle bietet.

Die Vorschläge zur Erhöhung der Sicherheit von Frauen und Mädchen im öffentlichen Raum betrachten wir kritisch. Ausgeleuchtete Orte und geschnittene Hecken sind sicherlich nicht schädlich, jedoch vermitteln sie die Möglichkeit der einfachen und schnellen Lösungen, die real nicht existiert. Diese kurzsichtigen und kurzfristigen Lösungen treten so an die Stelle eines dringend notwendigen gesellschaftlichen Diskurses, in dem strukturelle Gegebenheiten betrachtet und besprochen werden.

Zudem beobachten wir mit großer Sorge, dass diese Projektionen des ‚Bösen‘ in ‚den Fremden‘ regelmäßig zur rassistischen Instrumentalisierung von Diskursen um sexualisierte Gewalt führen. Auch einer Kriminalisierung von Obdachlosen, Drogenkonsument*innen und anderen gesellschaftlich Marginalisierten wird durch diese Betrachtungsweise Vorschub geleistet. So können gar gefährliche Maßnahmen abgeleitet werden, wenn der Ausgangspunkt der Untersuchung die Verinnerlichung und Akzeptanz von Vergewaltigungsmythen ist: Dies bietet eine Grundlage dafür, als ‚suspekt‘ wahrgenommene Personen(-gruppen) noch weiter zu marginalisieren und auf gesellschaftliche Randplätze zu verdrängen, um die potenziell Betroffenen vermeintlich zu schützen. Was soll mit den als suspekt wahrgenommenen Personen passieren? Wer entscheidet dies?

Der FRAUEN NOTRUF plädiert dafür, eine Prävention von sexualisierter Gewalt im öffentlichen Raum ganzheitlich und umfassend zu betrachten. So wurden in der Vorgängerstudie von Plan International aus dem Jahr 2018, in welcher die Sicherheit von Frauen und Mädchen in der Öffentlichkeit in Delhi, Kampala, Lima, Madrid und Sydney untersucht wurde, sehr sinnvolle Implikationen abgeleitet: Insbesondere die Arbeit mit Männern und Jungen, die eine Täterwerdung präventiv bearbeiten soll, wird dort als Maßnahme genannt. Zudem spielt die Partizipationsmöglichkeit von Frauen und Mädchen in der Planung von Städten und Angeboten eine große Rolle. Wir verstehen nicht, warum auf Grundlage dieser Studie die abgeleiteten Implikationen der deutschen Folgestudie nahezu ausschließlich auf städtebauliche und gärtnerische Maßnahmen begrenzt wurden. Damit ist dem epidemischen Ausmaß von Gewalt gegen Frauen und Mädchen nicht beizukommen – eine Änderung von Verhaltensmustern, Werten, Vorurteilen und Mythen ist leider nicht durch hellere Straßenlaternen herbeizuführen. Dazu bedarf es einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Aus-einander­setzung und Bewusstwerdung.